In der gegenwärtigen Gesellschaft wird psychische Gesundheit zur neuen Leitwährung individueller Funktionalität erhoben. Was als Fortschritt erscheint – die Enttabuisierung von Depression, Burnout und Angststörungen – entwickelt sich zunehmend zu einem doppelschneidigen Phänomen: Die ständige Betonung von psychischer Verletzlichkeit produziert paradoxerweise eine kollektive psychische Fragilität.
Psychologische Robustheit (also jene Fähigkeit, innere Spannungen, Ambivalenzen und emotionale Krisen auszuhalten) wird systematisch durch ein Denken ersetzt, das jegliche Abweichung vom psychischen Idealzustand als behandlungsbedürftige Störung markiert. Damit entsteht eine Kultur der Hyperdiagnostik, in der die Frage nicht mehr lautet, ob man psychisch leidet, sondern woran.
Diese Medikalisierung des Alltäglichen wird durch ein ökonomisch motiviertes Gesundheitssystem verstärkt, das von Diagnosen lebt und nicht von Ambivalenztoleranz. Die Normalisierung psychischen Unwohlseins, etwa infolge von Sinnleere, sozialen Konflikten oder existenziellen Ängsten, weicht einer ideologischen Vorstellung permanenter psychischer Hygiene.
Wer traurig ist, gilt als depressiv.
Wer erschöpft ist, wird zum Burnout-Fall.
Wer zweifelt, braucht Coaching.
In der Folge wird die Fähigkeit zur psychischen Selbstregulation (einst Kern des Erwachsenwerdens) externalisiert.
Therapie ersetzt Eigenverantwortung.
Triggerwarnungen ersetzen Resilienz.
Selbstfürsorge wird zur moralisierenden Ersatzhandlung, während die Kompetenz, innere Konflikte konstruktiv zu transformieren, verkümmert.
Auch empirisch zeigt sich: Die Anzahl diagnostizierter psychischer Störungen steigt rasant, ohne dass sich die tatsächlichen Umweltbedingungen im gleichen Maß verschärfen. Was steigt, ist die Sensitivität gegenüber Belastung und die Erwartung, „funktionieren“ zu müssen – immer, überall, unter allen Umständen. Der psychische Soll-Zustand wird zum autoritären Ideal.
Das Resultat: Eine Gesellschaft mit immer mehr therapeutischen Angeboten, aber immer weniger innerer Stabilität. Eine Kultur, in der psychologische Begriffe inflationär zirkulieren, während die Fähigkeit, mit Schmerz, Scheitern und Ambiguität zu leben, systematisch verlernt wird. Wer psychische Gesundheit idealisiert, produziert psychologische Zerbrechlichkeit.
Denn: Psychische Gesundheit ist kein Ziel, sondern sie ist ein Nebenprodukt psychologischer Reifung.
Und Reifung bedeutet: Leiden zu können, ohne daran zu zerbrechen.
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