Entwertung - Wie KI das Selbstverständnis der Arbeit zerlegt und warum die aktuelle Krise psychologisch ist

25.10.2025

Statistik zu der KI Transformation der Jobs

Vor ein paar Tagen teilte Prof. Holger Schmidt eine spannende Studie mit neuen Zahlen zum Einfluss von KI auf Jobsegmente.
Wie ich sie gelesen habe, war mir klar, dass es dabei aber gar nicht so sehr um die Zahlen geht. Sondern um Psychologie.
Die Studie zeigt für mich eine tektonische Verschiebung im kollektiven Selbstbild der Arbeit. 81 Prozent der Fähigkeiten in der Softwareentwicklung sind künftig vollständig KI-transformierbar. In der Pflege nur 4 Prozent.
Das klingt nach Technologie, ist aber Psychologie. Denn was hier zerbricht, ist nicht der Beruf - sondern das Selbstwertgefühl, das an ihn gebunden war.

Unsere Identität entsteht durch Funktion: „Ich bin, was ich tue.“ Wenn aber das, was man tut, bald von Maschinen besser getan werden kann, bleibt die Frage: Wer bin ich dann? Das Resultat ist eine schleichende psychologische Erosion. Menschen, deren Tätigkeiten stark automatisierbar sind, erleben Sinnverlust. Es entsteht eine neue Form der kognitiven Dissonanz: zwischen Kompetenzgefühl und Austauschbarkeit. Je höher der KI-Anteil, desto größer die Identitätskrise.

Interessanterweise betrifft das nicht nur klassische Wissensarbeit. Auch kreative, kommunikative und leitende Tätigkeiten (lange als unersetzbar betrachtet) rutschen in den Bereich hybrider oder assistierter Transformation. Der Mensch wird zum Aufseher der Maschine. Kontrolle ersetzt Gestaltung. Das erzeugt eine paradoxe Form von Entfremdung: Man ist noch Teil des Prozesses, aber nicht mehr sein Zentrum.

Die psychologische Folge ist eine neue Hierarchie der Bedeutsamkeit. Pflege, Erziehung und Handwerk gewinnen plötzlich emotionale Aufladung, weil sie menschliche Resonanz verkörpern; etwas, das Algorithmen nicht imitieren können. Gleichzeitig verlieren hochqualifizierte Wissensarbeiter ihren Nimbus. Sie werden zu Schnittstellen; kontrollierend, delegierend, begleitend.
Damit verändert sich unser Verständnis von Arbeit selbst: von einem Ort der Selbstverwirklichung zu einem Ort der Systemintegration. Sinn wird nicht mehr aus Leistung gewonnen, sondern aus der Fähigkeit, Maschinen zu überwachen, zu interpretieren und zu korrigieren. Das ist keine Befreiung, sondern eine subtile Form der psychischen Dezentrierung.

Das ist die eigentliche Transformation: nicht technologisch, sondern existenziell. Wir erleben den Übergang von der Arbeitsgesellschaft zur Beobachtungsgesellschaft, in der der Mensch weniger handelt, sondern zusieht, wie die Maschine handelt. Die Zukunft der Arbeit wird nicht von KI entschieden, sondern von der Frage, wie viel psychologische Eigenbedeutung der Mensch sich in dem neuen System bewahren kann.

Die größte Gefahr der KI-Revolution ist nicht die Arbeitslosigkeit, sondern die Bedeutungslosigkeit. Wenn Menschen sich nicht neu definieren, dann wird die eigentliche Krise nicht ökonomisch, sondern psychologisch sein: eine Entwertung des Selbst.

Aus “Gedankenkapital”

Aus “Gedanken-kapital”

Die Zukunft der Wirtschaft ist psychologisch. Wie man mentale Ressourcen ökonomisch nutzt.

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