𝐃𝐚𝐬 𝐆𝐞𝐝ä𝐜𝐡𝐭𝐧𝐢𝐬-𝐏𝐚𝐫𝐚𝐝𝐨𝐱: 𝐖𝐚𝐫𝐮𝐦 „𝐋𝐨𝐨𝐤 𝐢𝐭 𝐮𝐩“ 𝐮𝐧𝐬𝐞𝐫 𝐆𝐞𝐡𝐢𝐫𝐧 𝐫𝐮𝐢𝐧𝐢𝐞𝐫𝐭

19.07.2025

Eine weisse Katze auf schwarzem Hintergrund

Wenn wir für jede Frage „Google es oder frag die KI“ hören, inszenieren wir uns gerne als moderne, hyperverbundene Intelligenzwesen. Wir halten uns für effizient, global informiert, jederzeit bereit, jeden Fakt aus der Cloud zu fischen. Doch psychologisch betrachtet ist diese Haltung ein Selbstbetrug in Reinform - ein kollektives Verlernen mit Ansage.

Das Paper 𝑇ℎ𝑒 𝑀𝑒𝑚𝑜𝑟𝑦 𝑃𝑎𝑟𝑎𝑑𝑜𝑥 (Oakley et al., 2025) entlarvt diese digitale Narzissmus: Unsere Gehirne verkümmern nicht, weil wir zu dumm sind, sondern weil wir freiwillig aufhören, sie zu benutzen. Wir wollen Skills ohne Wissen und Kreativität ohne Grundlagen. Doch ohne mühsam gebildete Schemata, bleibt Denken nur Theater.

Psychologisch gesehen ist Lernen kein Konsum, sondern ein Umbau. Jedes neue Wissen wird erst durch wiederholtes Abrufen, Fehlermachen, Korrigieren stabil. Genau das verhindern wir heute, wenn wir jede Unsicherheit sofort externalisieren. Statt einen Fehler als wertvolle 𝑃𝑟𝑒𝑑𝑖𝑐𝑡𝑖𝑜𝑛 𝐸𝑟𝑟𝑜𝑟 zu erleben (den Motor der Neuroplastizität) überlassen wir es ChatGPT, zu lernen. Das Ergebnis: Wir merken uns nicht einmal mehr die groben Strukturen, sondern nur den Hinweis, wo wir etwas finden könnten.

Das ist, als würde man statt eines Kochbuchs nur noch den Lieferservice anrufen und glauben, man sei ein Sternekoch. Wissen ist kein Fertiggericht, sondern ein Muskel. Ohne Training degeneriert er.

Noch absurder: Ausgerechnet in einer Zeit, in der wir über Critical Thinking, Creative Leadership und Innovation schwafeln, verweigern wir die fundamentale Vorarbeit: Wissensgrundlagen verinnerlichen. „Look it up“ wird zur ideologischen Ausrede, um sich vor Anstrengung zu drücken. Neuropsychologisch bedeutet das: Keine Engramme, keine tiefen neuronalen Muster, keine Schemata. Also auch keine echte Kreativität.
Denn Kreativität ist kein spontanes Wunder, sondern das unerwartete Zusammenspiel internalisierter Strukturen.

Wir leben heute in einer kognitiven Scheinökonomie: Aufmerksamkeit ist die neue Währung, und Effizienz heißt, möglichst schnell konsumieren statt verarbeiten. Aber psychologisch sind wir dabei, uns selbst in mentale Analphabeten zu verwandeln; funktional, aber strukturell inkompetent.

Die bittere Ironie: Gerade in einer Ära unendlicher Datenfülle wäre verinnerlichtes Wissen unser größter Wettbewerbsvorteil. Wer wirklich denkt, kann Maschinen besser nutzen, statt sich von ihnen lenken zu lassen. Doch das verlangt Arbeit, Fehler, Frustration. Und das wollen wir unbedingt vermeiden.

Das Paper ist ein Manifest gegen intellektuellen Faulheit. Ohne Speicher im Kopf sind wir keine freien Denker, sondern nur abhängige Marionetten.

Vielleicht sollten wir also weniger stolz darauf sein, alles nachschlagen und generieren zu können. Sondern anfangen, wieder etwas zu behalten. Weil unser Gehirn genau dafür gebaut ist.

Aus “Gedankenkapital”

Aus “Gedanken-kapital”

Die Zukunft der Wirtschaft ist psychologisch. Wie man mentale Ressourcen ökonomisch nutzt.

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