In der aktuellen Bildungsdebatte wird Künstliche Intelligenz (KI) häufig als revolutionäres Werkzeug zur Förderung individueller Lernprozesse gepriesen. Adaptive Systeme sollen Kindern und Jugendlichen helfen, effizienter und motivierter zu lernen. Doch diese Hoffnungen übersehen eine zentrale psychologische Grundannahme: Denkkompetenz entsteht nicht durch Antwortzugriff, sondern durch 𝐃𝐞𝐧𝐤𝐚𝐤𝐭𝐢𝐯𝐢𝐭ä𝐭.
Kinder und Jugendliche befinden sich in einer entscheidenden Phase kognitiver Entwicklung. Die Psychologie beschreibt, dass sich exekutive Funktionen, Arbeitsgedächtnis, Problemlösefähigkeit und metakognitive Steuerung erst durch aktive Auseinandersetzung mit kognitiven Herausforderungen ausbilden. Der Erwerb von Denkfähigkeit ist kein passiver Transferprozess, sondern ein Aufbauprozess durch Irrtümer, Zweifel, Umwege und kognitive Anstrengung.
Gerade hier wirkt KI potenziell dysfunktional. Studien zeigen, dass KI-gestützte Tools wie ChatGPT insbesondere dann genutzt werden, wenn Denkaufwand vermieden werden soll. Die Illusion von Verständnis durch konsumierte Antworten ersetzt nicht den konstruktiven Prozess des Denkens, sondern unterläuft ihn. In einer Metaanalyse zur Lernwirksamkeit generativer KI zeigten sich zwar positive Effekte auf kurzfristige Lernleistungen – jedoch fehlten Daten zur langfristigen Entwicklung kognitiver Autonomie. Kritisch ist: Kinder gewöhnen sich daran, Fragen nicht mehr selbst zu durchdenken, sondern automatisierte Antworten abzurufen. Die Folge ist eine 𝐄𝐱𝐭𝐞𝐫𝐧𝐚𝐥𝐢𝐬𝐢𝐞𝐫𝐮𝐧𝐠 𝐝𝐞𝐬 𝐃𝐞𝐧𝐤𝐞𝐧𝐬 und damit eine Schwächung der Selbstwirksamkeit und Denkidentität.
Hinzu kommt, dass KI keine semantische Tiefe vermitteln kann, sondern lediglich Mustererkennung imitiert. Der Aufbau begrifflicher Strukturen (ein zentrales Ziel schulischer Bildung) gerät ins Hintertreffen, wenn Antworten nur syntaktisch kohärent, aber nicht epistemisch elaboriert sind. Insbesondere bei Kindern besteht die Gefahr, dass sie nicht zwischen echtem Verständnis und überzeugender Simulation unterscheiden können. Dies birgt nicht nur das Risiko von Fehlannahmen, sondern verfestigt auch einen epistemischen Nihilismus: Wenn alle Antworten gleich leicht verfügbar sind, verliert die Suche nach Wahrheit an Relevanz.
KI kann Lernprozesse unterstützen - aber nicht ersetzen. In der sensiblen Phase der kindlichen und jugendlichen Entwicklung kann der Einsatz generativer Systeme kognitive Trägheit fördern, Selbststeuerung untergraben und Denkprozesse externalisieren. Denkkompetenz wächst durch Irritation, Exploration und Eigenaktivität - nicht durch den Konsum vorformulierter Antworten.
Bildungspolitik und pädagogische Praxis müssen daher fundierte Konzepte entwickeln und anwenden, bevor aus einem grandiosen Werkzeug eine geistige Krücke wird.
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